Empfehlungen bei der Abfrage von Geschlecht in Formularen

Einer der vielen Ärgernissen in einem nichtbinären Leben ist… Formulare ausfüllen. Egal ob online oder auf dem Papier, sie sind häufig sehr unfreundlich zu nichtbinären Menschen – so wie sie uns häufig dazu zwingen, eine Entscheidung zu treffen, wenn alle verfügbaren Optionen nicht wirklich zutreffen. Bist du ein Mann oder eine Frau? Hr. oder Fr.?
Wenn du ein Formular entwirfst und dabei unserer Community einen Dienst erweisen möchtest, gibt es hier ein paar Punkte, die wir dabei für wichtig erachten.
Frage nur nach dem, was wirklich benötigt wird
Wenn wir herumfragten „Wie können Formulare verbessert werden, die nach dem Geschlecht fragen?“, ist die häufigste Antwort unter nichtbinären Menschen: „Wenn sie danach erst gar nicht fragen.“
Überlege, was du wirklich wissen möchtest. Wenn du die Empfangsadresse für einen Warenversand abfragst, wird der Lieferdienst tatsächlich Probleme bei der Zustellung haben, nur weil es an „Alex Müller“ statt „Frau Alex Meyer“ adressiert ist? Wird der Newsletter in seiner Qualität nur deshalb einbüßen, wenn er statt mit „Sehr geehrter Herr Krause“ mit „Liebe Lesende“ beginnt?
Und wenn du das Geschlecht nur für Marketinggründe abfrägst um damit schädliche Genderstereotype zu verfestigen und unnötig gegenderte Produkte aufzudrängen, dann kannst du auch genauso gut jetzt aufhören zu lesen – denn wenn du nicht über Inklusivität interessierst, weshalb die Zeit vergeuden?
Erkläre, weshalb du das Geschlecht wissen möchtest
Binäre cisgeschlechtliche Personen betrachten ihr Geschlecht meist nicht als eine persönliche oder vertrauliche Information. Sich zu „outen“ bedroht sie nicht mit sozialem Ausschluss, Arbeitsplatzverlust, Probleme auf der Schule… Im Gegensatz dazu müssen trans- und intergeschlechtliche Personen häufig sehr achtsam sein, wem sie wann und wie über ihre Identität erzählen.
Daher ist es sehr ratsam im Formular zu beschreiben, warum du diese vertraulichen Informationen wissen möchtest. Möchtest du in einer wissenschaftlichen Studie die Korrelation zwischen Geschlecht und einer anderen bestimmten Variable untersuchen? Möchtest du für die medizinische Versorgung wissen, wie du die Medikamentendosis auf die individuellen Hormonwerte abstimmst? Das sind alles gute und wichtige Gründe nach dem Geschlecht zu fragen – aber gleichzeitig sollen die Ausfüllenden wissen, weshalb du in deren Privatsphäre eingreifst.
Überlege, was du tatsächlich erfragen möchtest…
…und ob dies für die ausfüllenden Personen deutlich wird.
Was meinst du mit „Geschlecht“?
Geschlechtsidentität?
- weiblich, männlich, auf dem nichtbinären Spektrum
- cis- oder transgeschlechtlich (ist diese Variable tatsächlich relevant?)
- nicht jede nichtbinäre Person identifiziert sich auch als transgeschlechtlich
- nichtbinäre Personen sind keine homogene Gruppe
Personenstandseintrag / rechtliches Geschlecht?
- m/w/d/k.A. (in Deutschland gibt es drei mögliche Geschlechtsmarker, sowie die Option diesen zu streichen)
- M/F/X (gerade im internationalen Kontext wie bei Reisepässen ist die sogenannte „dritte Option“ häufig X)
- nicht alle trans* Personen ändern ihren Personenstandseintrag, auch wenn sie im Alltag nicht nach diesem auftreten
Zugewiesenes Geschlecht bei der Geburt / assigned gender at birth?
Physische Merkmale häufig zusammengemanscht unter „biologisches Geschlecht“?
- Chromosomen (es gibt viiiel mehr Personen als 46 XX und 46 XY Karyotyp)
- Keimdrüsen (Hoden, Eierstücke, Keimzellen mit gemischtem Gewebe, ein Eierstock und ein Hoden, Keimdrüsendysgenese / „Fehlentwicklung“, …)
- interne Organe (Eileiter, Samenleiter, Gebärmutter, …)
- externe Genitalien
- tertiäre Geschlechtsmerkmale (Brüste, Gesichtsbehaarung, Stimmhöhe, Adamsapfel, …)
Gute Quellen (auf Polnisch) über dieses Thema gibt es hier und in diesem Post: Wie viele Geschlechter gibt es?.
Merke dir auch, dass Geschlecht ≠ Pronomen. Wenn du wissen möchtest, wie du wen anreden möchtest, frage danach, und nicht nach ihrem Geschlecht. Transgeschlechtliche Personen haben häufig negative Erfahrungen gemacht, wenn sich nach ihrem Geschlecht erkundigt wird, wie durch eine implizierte, ungesunde Neugier „aber was ist in deiner Hose?“. Deshalb ist es ratsam, nach Möglichkeit auf die Frage komplett zu verzichten.
Die Grundlagen
Ein Schritt weiter
Was ist bei Anreden und Pronomen zu beachten?
Nun… mehr oder weniger der gleiche Ratschlag. Nehme nicht an, dass es nur zwei Optionen gibt. Frage spezifisch und ohne in die Privatsphäre einzudringen. Erlaube eine Freitextantwort. Ändere die Reihenfolge ab.
Es ist ebenso gut, Beispiele zu geben. Du kannst dabei natürlich auch auf pronomen.net verlinken – wir versuchen eine gute Informationsquelle für neutrale Sprache zu entwickeln, und es kann Teilnehmende helfen, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen.
Wir empfehlen auch die Abschlussarbeit von Magdalena Daniec (auf Polnisch) über dieses Thema.